Die Erinnerung

Die Reise Riesi Gerüche Formen Räume Die Schule Karfreitag Der Tod

Immagina Riesi“ ist ein Bild- und Leseband über meine Klassenfreunde, mit denen ich die Grundschule „Monte degli Ulivi“ des protestantischen Zentrums „Servizio Cristiano“ in Riesi (Sizilien) von 1968 bis 1973 besuchte. 

Das Zentrum entstand 1961  vor den Toren der Ortschaft mit dem Auftrag, soziale Erlösung durch Bildung zu fördern. Die Grundschule war eines der ersten Projekte.

Die Region Sizilien hat 2017 neben dem Bildband „Immagina Riesi“ auch einen Dokumentarfilm über den Entstehungsprozess produzieren lassen. Während der Dreharbeiten tauchten überraschend zwei zeitgenössische Super-8-Filme des Schweizer Amateurfilmers Pierre Vollichard auf. 

Er hat über mehrere Jahre und Aufenthalte hinweg in den verschiedensten Winkeln Riesis gefilmt. Außerdem hat er die Bauarbeiten auf dem Gelände sowie das Leben der Gemeinschaft im „Servizio Cristiano“ in der Gründungsphase festgehalten.

Während meiner Arbeit am Bildband stellte ich mir die Frage, wie ich die Vergangenheit darstellen könnte. Ich entschied mich, analog zu arbeiten. Das analoge Medium verleiht den Fotos aufgrund der geringen Auflösung und der Körnung eine Aura von Zeitlosigkeit.

Bei der Motivsuche habe ich mich an meinen Erinnerungen orientiert: die Landschaft, bestimmte Gegenden in der Stadt, die Fähre, mit der man die Straße von Messina überquert. Schließlich habe ich meine Klassenfreunde gebeten, mir Fotos zur Verfügung zu stellen, die sie im Schulalter zeigen.

„Il ricordo“ setzt ausgewählte Frames aus den beiden Super-8-Filmen und die Familienfotos meiner Schulfreunde in direkten Bezug zu den Fotografien für den Bildband. Die ‚objektive‘ Realität des Films, der Archivfotos steht dabei meinen Erinnerungen gegenüber, die ich ‚künstlich‘ abgebildet habe.

Ich habe mich für die Fotoreihe „Il ricordo“ (dt. „Die Erinnerung“) vom Regisseur Salvo Cuccia inspirieren lassen. Er hat die wiederentdeckten Amateurfilme in seinem Dokumentarfilm „Una storia valdese“ (dt. „Eine waldensische Geschichte“) eingesetzt und verwebt meisterhaft Vergangenheit und Gegenwart zu einem Erzählstrang.

Die Reise

Fotos rechts
Am Anfang steht eine Reise. Man begibt sich in fremdes Land. Eine karge Landschaft umgibt einen, die Gerüche sind nicht mehr sanft wie in den Alpen, das Grün selten. Es ist dasselbe Land, aber es liegt das Meer dazwischen.

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Riesi

Fotos links
Riesi. Ein Ort voller Kontraste, Widersprüche und Wahrheiten. Wer hier lebt, muss aufpassen. Viele machen dir das Leben schwer, niemand hat ein einfaches Leben.

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Gerüche

Fotos rechts
Wenn ich in Karlsruhe manchmal abends mit dem Fahrrad durch die Ettlingerstraße nach Hause fahre, fahre ich am Zoo entlang, in dem Zebras leben. Wann immer ich beim Vorbeifahren den Geruch dieser Tiere rieche, denke ich unweigerlich an Riesi.

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Formen

Fotos links
Zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein können. Allein die Architektur spricht Bände.

Räume

Fotos rechts
Hier im „Salone“, im großen Saal, habe ich mit der „comunità“ – mit der Gemeinschaft – , zu Mittag und zu Abend gegessen. Es war ein Saal mit vielen Menschen und vielen Sprachen. Nebenan gab es eine Küche mit großen Töpfen. 

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Die Schule 

Fotos links
Antonino Volpe, Francesco Pasqualetto, Fabio Terranova

Fotos rechts
Das ist die „Fila“, die lange Zweier-Reihe, in der die Schülerinnen und Schüler aus Riesi den Weg zur Grundschule „Monte degli Ulivi“ zu Fuß liefen. Ich kam dagegen aus einem Haus auf dem Gelände des „Servizio Cristiano“ und hatte genau die Perspektive wie auf dem Foto. Die zweite „Fila“ kam 45 Minuten später. Das waren die Kinder des Kindergartens. Hélène, die Leiterin.

Die Schule

Fotos links
Francesca Gallo, Benito Forcella, Gaetano Butera

Fotos rechts
Gianfranco Marino, Dora Caci

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Karfreitag

Fotos links
Nichts war mir fremder als dieses Fest, so weit weg von den Werten und Einstellungen eines gut erzogenen Waldensers. Das Vergöttern von Statuen aus Gips, mit Geld behängt, die Wunden Jesu, die Böller. Auch vierzig Jahre später ist die Karfreitagsprozession Ausdruck einer Volksreligiosität, die nicht meine sein kann. Nur mit der Kreuzigung konnte ich etwas anfangen und kannte die Bedeutung.

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Der Tod

Fotos rechts
„Lu pizzu di lu cuntrastu“ heißt dieser Ort, „Am Besprechungsfelsen“, weil sich dort Menschen trafen, um „Besprechungen“ abzuhalten („cuntrastare“ bedeutet auf Sizilianisch „miteinander reden“). Es handelt sich um offenes Land, bei dem man von weitem sieht, wer kommt. Genau dort wurde der „junge Riesino“ Salvatore Fodale erschossen in seinem Auto aufgefunden. Auf dem Friedhof von Riesi sind meine Eltern bestattet. Meine Mutter hat einen weiten Weg zurückgelegt; sie war geboren in Jachinto Arauz in Argentinien und aufgewachsen in Uruguay. Mein Vater kam aus Riesi.

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Diese Ausstellung ist ein Projekt der Französischen Kirche zu Berlin anlässlich der 850-Jahrfeier der Waldenserbewegung 2024. Wollen Sie die Ausstellung in Ihrer Gemeinde oder Einrichtung zeigen? Nehmen Sie mit uns Kontakt auf: buero@franzoesische-kirche.de.

Konzept
Gustavo Alàbiso, Daniela Liebscher
Redaktion & Organisation
Daniela Liebscher, Ieva Lucia Husic, Christian Walther, Gustavo Alàbiso
Texte
Albert de Lange, Piero Manuguerra, Nico Pistone
Grafik
Marina Piselli
Übersetzungen
Ieva Lucia Husic (engl.), Claudine Hornung (fr.)