Riesi Trabia Tallarita Tullio Vinay Freiwillige Die Grundschulklasse Emigration Mafia Winzergenossenschaft Cinema Aurora Karfreitag
Riesi
„Riesi hatte den Ruf einer verbrannten, ausgestoßenen Gegend; der ‚Riesino‘ war gefürchtet; ein ‚Rijsanu‘ war gleichbedeutend mit einem intelligenten, gewalttätigen Angeber, der sich wenig um die Religion scherte und sein eigenes Leben und das der anderen verachtete“.
Gaetano Baglìo, Il Solfaraio, Neapel 1905 („solfarai“, dt.: Bergleute der Schwefelminen)
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Die Schmerzensmutter in der Kirche San Giuseppe, die während der Karwoche geöffnet ist.
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Die Hauptgeschäftsstraße von Riesi ist heute der Viale Don Bosco; die Straße wird optisch von der gleichnamigen katholischen Kirche beherrscht. Früher fand das Geschäftsleben an der Piazza Garibaldi und in den angrenzenden Straßen statt.
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Blick vom Monte Veronica auf Riesi.
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Palmsonntag auf dem Platz vor der Kirche San Giuseppe.
Das Bergwerk von Trabia Tallarita
Bereits in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurden Schwefelvorkommen entdeckt, doch der Abbau erreichte erst um 1920 seinen Höhepunkt. Die Arbeitsbedingungen waren geradezu unmenschlich.
Ende des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten Gewerkschaften und fanden erste Streiks zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen statt. Die Schwefelarbeiter waren diejenigen, die sich am stärksten an der Gründung von Arbeitnehmerverbänden beteiligten: Im Oktober 1893 fand in Grotte ein Bergarbeiterkongress statt, einem Bergbauort in der Provinz Agrigent, in dem es übrigens auch eine Waldensergemeinde gab.
Die Schwefelarbeiter forderten die gesetzliche Anhebung des Mindestalters auf 14 Jahre für Kinderarbeiter („carusi“), die Kürzung der Arbeitszeit und die Festlegung eines Mindestlohns. Nach der Entwicklung einer neuen
Abbaumethode in den USA, die die Abbaukosten drastisch senkte, waren die Minen in Sizilien nicht mehr wettbewerbsfähig.
Einer der berühmtesten Dokumentarfilme des Regisseurs Vittorio De Seta ist „Surfarara“ (1955). Er blendet am Anfang folgende Sätze ein: „Schwefelminen sind über die weite bäuerliche Heidelandschaft in Zentralsizilien verstreut. Nur wenige Bauwerke zeugen von außen von der finsteren Arbeit und manchmal auch von der unsichtbaren Tragödie, die sich in den Eingeweiden der Erde abspielt.“
In der Nachkriegszeit ereilte Trabia Tallarita das gleiche Schicksal wie viele andere Bergwerke auf Sizilien: Es gab einen Überhang an Arbeitskräften, der sich nicht an den tatsächlichen Arbeitsbedürfnissen orientierte, sondern durch Stimmenkauf und andere klientelistische Praktiken bedingt war.
Als die Plünderung der Staatskassen durch die regierenden Politiker auf diese Weise nicht mehr möglich war, wurde das Bergwerk geschlossen, die Anlage aufgegeben und im Laufe der Jahre völlig ausgeraubt.
Die Region Sizilien kaufte schließlich das Gelände, rettete die letzten verbliebenen Maschinen und richtete ein Museum zur Geschichte der „Bergbauanlage Trabia Tallarita“ ein.
Tullio Vinay
Tullio Vinay (1909 – 1996) war von 1934 bis 1946 Pfarrer der Waldensergemeinde in Florenz. Er rettete viele Juden, indem er sie in einem geheimen Zimmer seiner Wohnung versteckte. 1982 wurde er von der israelischen Regierung als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt. 1947 gründete Vinay mit Hilfe junger Freiwilliger aus ganz Europa das Ökumenische Zentrum Agape in Prali (Piemont) in den Waldensertälern.
1961 wurde er als Pastor nach Riesi entsandt, wo er das Zentrum „Servizio Cristiano“ aufbaute. Auf Ersuchen von Amnesty International führte Vinay 1973, gemeinsam mit dem römisch-katholischen Priester Enrico Chiavacci von Pax Christi und selbst als katholischer Priester getarnt, in Südvietnam heimlich eine Untersuchung durch.
Er konnte eine umfangreiche Dokumentation erstellen, mit der er in der Weltöffentlichkeit die unmenschlichen Lebensbedingungen der Gefangenen und der Regimegegner in Saigon anprangerte.
1976 wurde Vinay als Unabhängiger auf der Liste der Kommunistischen Partei Italiens in den Senat gewählt, dem er bis 1983 angehörte. Im Jahr 1987 erhielt er den Dr.-Leopold-Lucas-Preis der Universität Tübingen.
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Pfarrer Tullio Vinay predigt von der Kanzel der Waldenserkirche in Riesi.
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Die Waldenserkirche von Riesi wurde 1889 eingeweiht.
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Zwei Ansichten vom Kindergarten.´Der sechsteilige Komplex „Monte degli Ulivi“ wurde vom Architekten Leonardo Ricci entworfen und zwischen 1963 und 1968 errichtet. Für den Bau wurde kein einziger Baum gefällt. Der Name leitet sich vom Hügel ab, auf dem die Anlage steht, bezieht sich aber auch auf den biblischen „Ölberg“. Die Wahl dieses Ortes diente dazu, die „Utopie der Neuen Welt” greifbar zu machen.
2008 wurde der gesamte Komplex zum sizilianischen Kulturerbe erklärt.
Freiwillige
Zwischen 1961 und 2000 haben etwa 220 Freiwillige aus der ganzen Welt im „Servizio Cristiano” gearbeitet. Schweizer, Deutsche und Italiener stellten dabei die größten Gruppen.
Das Gemeinschaftsleben begann morgens mit dem Frühstück um 7.30 Uhr und endete mit dem Abendessen um 19.00 Uhr. Jeden Abend gab es eine Andacht. Dienstags fand die Vollversammlung statt, um alle Probleme und Projekte zu besprechen, mit denen sich die Arbeitsgruppen beschäftigten.
Die Leitung der einzelnen Arbeitsbereiche war unter den Mitgliedern der Wohngruppe, der sogenannten „Comunità” (Gemeinschaft), aufgeteilt: für die Grundschule, den Kindergarten, die Mechanikerschule, das Landwirtschaftszentrum, das Büro, das Mitteilungsblatt, die Familien- und Kinderberatungsstelle, den Filmclub, die Bibliothek und die Hauswirtschaft.
Das Mitteilungsblatt „Notizie da Riesi” („Neues aus Riesi“) wurde alle zwei Monate in vier Sprachen an 15.000 Adressen weltweit verschickt. Der Leitartikel wurde jahrelang von Tullio Vinay verfasst, gefolgt von Berichten über die ausgeführten Arbeiten in den verschiedenen Tätigkeitsbereichen und Bitten um Unterstützung.
Auf diese Weise gelang es dem „Servizio Cristiano”, seine monatlichen Ausgaben zu finanzieren, bevor er von der Waldenserkirche übernommen wurde: für Personal (Lehrer, Arbeiter und Angestellte), 200 Mittagessen an den Arbeitstagen in Schule und Kindergarten und Instandhaltungskosten.
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Judi Elliot kam 1968 aus den USA und lebt heute in Torre Pellice (Piemont). Nach fünf turbulenten Jahren im „Servizio Cristiano“ brach sie gemeinsam mit ihrem Mann den Freiwilligendienst ab.
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Peter Portner kam 1973 aus der Schweiz nach Riesi und lebt heute in der Nähe von Basel. Zwei Jahre lang verkaufte er als Straßenhändler frische Eier, die im „Servizio Cristiano” produziert wurden. Eigentlich war und ist er Fotograf.
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Die Römerin Cesarina Conti heiratete in Riesi und blieb. Sie war die Klassenlehrerin von Gustavo Alàbiso und seinen Schulfreunden.
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Hélène Bataillard kam 1961 nach Riesi und blieb insgesamt 25 Jahre – länger als alle anderen Freiwilligen. Sie lebt heute in ihrem Elternhaus am Genfer See.
Die Grundschulklasse
Diese Liste ist das einzige Dokument über die Klasse 5, das der Fotograf Gustavo Alàbiso ausfindig machen konnte. Die Erinnerung an die Kinder hinter diesen Namen bewegte Alàbiso 2015 dazu, nach seinen ehemaligen Schulfreunden zu suchen.
Das Kulturamt der Region Sizilien und das Regionale Zentrum für die multimediale Inventarisierung und Dokumentation von Kulturgütern CRICD förderten 2017 das Projekt. Für den Bildband „Immagina Riesi“ besuchte Alàbiso in Begleitung von zwei Journalisten alle ehemaligen Schulfreunde in den verschiedensten Städten Italiens und in Belgien, um sie zu interviewen und zu fotografieren.
Sicherlich hat die Ganztagsschule mit ihren innovativen didaktischen und pädagogischen Methoden dazu beigetragen, dass sich alle ehemaligen Schüler sehr gern daran erinnern. Neben den Fächern des staatlichen Lehrplans wurden damals bereits Englisch und Musik unterrichtet und schulische Projekte angeboten wie die Gestaltung einer Klassenzeitung, der Besuch der Bibliothek oder die Hamster- und Pflanzenpflege.
Außerdem mussten die Kinder kleine alltägliche Aufgaben erledigen wie das Decken und Abräumen der Tische und das Abholen des Mittagessens aus der Küche. Die Pausen fanden im Freien statt, in einem Garten mit hundertjährigen Olivenbäumen. All das geschah in den 1960er Jahren mitten in Sizilien!
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Nino Volpe lebte 34 Jahre lang in der Nähe von Köln. Er kehrte nach Riesi zurück und eröffnete mit seiner Frau eine Eisdiele. Hier bietet er frische Waffeln an, und unter den vielen Eissorten gibt es auch die „Schwarzwälder Kirschtorte”.
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Die Namensliste der Klasse 5 der „Monte degli Ulivi“-Grundschule
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Giuseppe Provato lebt mit seiner Frau seit 1986 in Genua
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Angela Pistone besuchte das Konservatorium in Palermo. Sie ist Musiklehrerin und hat zwei Musikhandbücher für die Mittelschule veröffentlicht. Sie lebt in Turin.
Emigration
„Als Kind haben mich diese Abwanderungen verstört. Es war nicht gut, plötzlich Freunde zu verlieren. Es war, als hätte man eine Handvoll Fliegen in der Hand. Und warum muss man seinen Geburtsort aufgeben, um an einem anderen Ort Arbeit zu finden?“
Benito Forcella
Für viele Riesini war die Auswanderung die einzige Möglichkeit, mit ihrer Arbeit Geld zu verdienen, ein unabhängiges Leben zu führen und – vor allem für viele Männer – eine Familie zu gründen.
Während heute das Reisen billig geworden ist, man in wenigen Stunden Ziele auf der ganzen Welt erreichen kann und dank Bildung und Medien im Voraus weiß, was einen erwartet, war die Welt damals noch groß und fremd.
Norditalien war eine 24-stündige Zugfahrt, Belgien eine zweitägige Reise entfernt. Man kam in einer neuen Welt an, in der man als Arbeitsmigrant zwar schnell einen Job finden konnte, aber nicht willkommen war. Das Verhältnis zwischen den Einwanderern und Einheimischen war von Sprachbarrieren, Vorurteilen und Ängsten geprägt.
Die Auswanderung erlebten diejenigen, die zurückblieben, als Verlust: Ihnen kamen Freunde, Verwandte, ganze Familien abhanden. Diese waren eines Tages fort, ihre Haustüren für immer verschlossen.
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Vorbeifahrender Zug im Bahnhof von Pomezia bei Rom
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Riesi in der Welt
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Luigi Volpe musste die fünfte Klasse verlassen, weil seine Familie nach Belgien zog. Das untere Foto zeigt den Schuljungen rechts ein paar Monate nach seiner Ankunft in Belgien. Er hat seine Grundschulbücher und den Kreisel (auf Sizilianisch „rummulu“) aufbewahrt, mit dem er jeden Tag in den Straßen seines Viertels spielte. Seine Kindheit wurde plötzlich unterbrochen: „Wie wenn man von einer Mahlzeit aufsteht und geht, obwohl man noch hungrig ist.” Heute lebt er in Colfontaine (Belgien) und arbeitet als Busfahrer.
Mafia
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Die Familie Di Cristina war eine Mafia-Familie aus Riesi. Sie kontrollierte das örtliche Gebiet. Francesco übertrug die Leitung der „Famiglia“ seinem Sohn Giuseppe (Peppe). Francesco starb eines natürlichen Todes, während Peppe in die „Regionalkommission von Cosa Nostra“ aufstieg, das Leitungsgremium der sizilianischen Mafia, und dann in Palermo ermordet wurde.
A seiner Beerdigung in Riesi am 1. Juni 1978 nahmen 10.000 Einwohner teil. Der sizilianische Schriftsteller Leonardo Sciascia kommentiert die Beerdigung von Giuseppe Di Cristina ironisch. Er fragt sich, warum die Riesiner Einwohnerschaft so zahlreich erschien, obwohl der Verstorbene ein notorischer Mafioso war, also ein Krimineller. Für ihn ist diese massenhafte Reaktion ein Beweis, dass im Ort nicht die staatlichen Institutionen das Sagen hatten.
Sciascia beschreibt vielmehr das „mafiöse“ Denken als Teil der Kultur, des Verhaltens, der sozialen Ordnung der gesamten Bevölkerung. Die Beerdigung als Massenereignis zeigte, welchem Gesetz die Bürger von Riesi damals eigentlich folgten.
„(…) Das Verhalten der Bevölkerung von Riesi kann nur so erklärt werden: die Carabinieri, der Staat, das Gesetz des Staates waren vor solchen Beerdigungen quasi inexistent, als ob sie nicht da wären. Es hatte überhaupt keine Bedeutung, dass Carabinieri in Uniform und Polizisten in Zivil die Anwesenden überwachten,verzeichneten und fotografierten.
Für die Bürger von Riesi war diese Zeremonie ein Akt ihres Lebens, ihrer Lebensart, ihrer Weltsicht, des Gesetzes, dem sie wirklich folgten – moralisch und praktisch, im Inneren und genauso im Außen, in der inneren Ordnung und in der sozialen Ordnung.“
(Interview Marcelle Padovani, Mailand 1979 – Übersetzung: G. Alàbiso)
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Die Familie Di Legami ist eine gläubige Waldenserfamilie. Der Bergmann Antonio Di Legami wurde als überzeugter Antifaschist vom faschistischen Regime mit Verbannung belegt. Die Alliierten setzten ihn nach der Landung auf Sizilien als ersten kommunistischen Bürgermeister von Riesi ein.
Seine Tochter Ninetta heiratete allerdings aus Liebe in die Mafia-Familie Di Cristina ein. Ihr Mann Giuseppe Di Cristina war der Mafiaboss von Riesi, wie zuvor sein Vater.
Ninettas Bruder Giuseppe, der sich in hohen Ämtern der Kommunistischen Partei Riesis engagierte, erlebte diese Verbindung stets als Belastung.
Winzergenossenschaft
Trotz aller Schwierigkeiten, Missverständnisse und Spannungen, die der „Servizio Cristiano” in Riesi auslöste, ist und bleibt ein Projekt erfolgreich: die Winzergenossenschaft.
Ihre Gründung war ein Gemeinschaftsprojekt der Stadtbevölkerung: Waldenser und Katholiken, Kommunisten, Christdemokraten und Neofaschisten, Bauern und Bergleute. Die richtigen Leute waren zur richtigen Zeit zur Stelle. Allein dieser Erfolg belegt und rechtfertigt die sinnvolle Arbeit des „Servizio Cristiano” in Riesi.
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Der erste Präsident der „Cantine La Vite“, Giuseppe Cavaleri. Hinter ihm sind die Porträts einiger der 43 Gründungsmitglieder von 1970 zu sehen. Das genossenschaftliche Projekt hat die regionale Wirtschaft nachhaltig verändert, obwohl es anfangs nicht dem misstrauischen sizilianischen Wesen entsprach. Laut Cavaleri konnte das Projekt nur gelingen, weil sich alle Vorstandsmitglieder über jegliche Parteizugehörigkeit hinweg ganz in den Dienst der Genossenschaft stellten. „Wir hielten zusammen“, sagt Cavaleri heute, „um eine Aufgabe zu erfüllen, die über die Interessen von Einzelpersonen hinausging.“
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Wie in allen Mittelmeerregionen spielt auch in Sizilien die Olivenkultur eine wichtige Rolle. Olivenöl bildet die Grundlage der „Mittelmeerdiät“. Diese tausendjährige Kultur ist an Hitze und Wassermangel gewöhnt, leidet aber auch unter dem Klimawandel.
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Die „Cantine La Vite“ sind seit der Gründung stark gewachsen. Heute bringen 1300 Mitglieder ihre Ernte von 2600 Hektar Weinbergen in Mittel- und Südsizilien ein. Der Anbauschwerpunkt liegt in den Provinzen Caltanissetta, Agrigento und Ragusa. Die Produktion ist auf schwarze Rebsorten und lokale sizilianische Weißweintrauben sowie auf Nero d‘Avola ausgerichtet, von dem das Unternehmen der größte Erzeuger in Sizilien ist.
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„Debbio” heißt die Praxis des Abbrennens von Getreidestoppeln nach der Ernte. Das soll die Böden mit organischen Stoffen anreichern und Schädlinge vernichten. Das Feuer zerstört allerdings auch nützliche Mikroorganismen und den organischen Stickstoff und im schlimmsten Fall, wenn das Feuer unkontrolliert geschieht, auch die Biosysteme an den Rändern der Anbauflächen.
Cinema Aurora
Ein Artikel über den „Servizio Cristiano“ in der Zeitschrift „La Domenica del Corriere“ vom 22. April 1976 wirkte in Riesi wie ein Sprengsatz und führte zum so genannten „Prozess gegen Vinay“.
Dieses tumultartige Ereignis gibt eine Vorstellung von den Spannungen und Schwierigkeiten des Dialogs zwischen Vinay und der lokalen Bevölkerung. Zu den Reibungen zwischen den unterschiedlichen Kulturen gesellten sich das Misstrauen und der Wunsch vieler, das Modernisierungsprojekt des Pfarrers scheitern zu sehen.
Titel und Untertitel des Zeitungsartikels ließen keinen Zweifel daran, dass er einen Skandal auslösen sollte: „RIESI: Wussten Sie, dass Mädchen mit 14 Jahren hier zu ‚Lebenslänglich‘ verurteilt sind?“, lautete die Schlagzeile. „Ein Waldenserpfarrer, eine 20-jährige Stadträtin und eine junge Schweizer ‚Pillen-Expertin‘ kämpfen für die Änderung einer jahrhundertealten Tradition, die die Frauen als Opfer eines angeblich unhaltbaren Zustandes sieht. Sobald Mädchen das Kindesalter überschritten haben, sollen sie gezwungen sein, als Gefangene zu Hause zu leben“.
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Einige Gymnasiasten verfassten unter aktiver Beteiligung ihres katholischen Religionslehrers Pater Giuliana (Foto oben) ein Flugblatt. Darin beschuldigten sie Tullio Vinay, das Wort „Riesi“ zu verwenden, um Spenden zu sammeln, die jedoch ausschließlich für den „Servizio Cristiano“ bestimmt seien.
Mehr noch: Indem er ausschließlich die heruntergekommensten Viertel und Ärmsten der Armen beschreibe, verleumde Vinay die besseren Stadtteile und vermittle absichtlich ein falsches Bild von der tatsächlichen Situation.
Als öffentliche Aussprache wirkte der so genannte „Prozess gegen Vinay“ im Kino Aurora (Foto unten). Der größte Saal der Stadt war überfüllt von Angehörigen zweier Gruppen: Eine Minderheit verteidigte Vinay und den „Servizio Cristiano“, die anderen nutzten die Gelegenheit für eine Abrechnung.
Tullio Vinay fand schließlich die richtigen Worte, um die Gemüter zu beruhigen und seinen Standpunkt zu erläutern, überzeugte die Menschen von seinem Handeln und distanzierte sich von der Sprache, die der Riesi-Artikel verwendete und die nicht die seine war.
Doch seine Tage in Riesi waren gezählt. Er beschäftigte sich nun mit dem Vietnamkrieg und engagierte sich als neugewählter Senator im italienischen Parlament.
Karfreitag
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Filippo Vasta besaß eine Klempnerfirma, als er der Anstiftung zum Mord beschuldigt wurde. Er wurde inhaftiert, sein Unternehmen beschlagnahmt.
Nach drei Jahren, drei Monaten und drei Tagen in Untersuchungshaft wurde er rechtskräftig freigesprochen. Da hatte er aber bereits alles verloren. Seitdem kämpft er für seine Rehabilitierung und Entschädigung durch den Staat.
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Die historische Karfreitagsprozession beginnt an dieser Kreuzung namens „Quattro cantuneri“ (Vier Ecken). Sie endet auf dem Hügel, der Kalvarienberg genannt wird. Die Prozession führt Jesus Christus mit dem Kreuz an.
Ihm folgt die Schmerzensmutter, die ihn seit fünf Uhr morgens überall in den Straßen gesucht hat und nun mit ihm zusammentrifft, dahinter der Heilige Johannes, die Musikkapelle (nicht im Bild) und die Menschen, die sich an der mehrstündigen Prozession beteiligen.
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Der Höhepunkt des Karfreitags ist die Kreuzigungsszene.
Diese Ausstellung ist ein Projekt der Französischen Kirche zu Berlin anlässlich der 850-Jahrfeier der Waldenserbewegung 2024. Wollen Sie die Ausstellung in Ihrer Gemeinde oder Einrichtung zeigen? Nehmen Sie mit uns Kontakt auf: buero@franzoesische-kirche.de.
Konzept
Gustavo Alàbiso, Daniela Liebscher
Redaktion & Organisation
Daniela Liebscher, Ieva Lucia Husic, Christian Walther, Gustavo Alàbiso
Texte
Albert de Lange, Piero Manuguerra, Nico Pistone
Grafik
Marina Piselli
Übersetzungen
Ieva Lucia Husic (engl.), Claudine Hornung (fr.)